Der Schwulen-Faktor
wiwo.de
February 27, 2007
Paris Critikopoulos (l.) und Jürgen Bergmann in
einer Diskothek in Königsbrunn als Prinz Paris der
Erste und Prinzessin Jaqueline der Erste vom
Carnevals Club Königsbrunn (CCK) auf. Der CCK hat
nach eigenem Bekunden das erste schwule
Prinzenpaar in Bayern inthronisiert und tritt mit
zwei Prinzen auf, Foto: dpa
Kreativer Wettbewerb»
Im Wettbewerb um kreative Köpfe entdecken Großstädte
eine neue Zielgruppe – die Schwulen. Wie
Homosexuelle eine Metropole prägen – und welche
Rolle sie für die Wirtschaft spielen.
Sten Kuth hat verdammt
schlechte Laune. Der Kölner Choreograf, ein massiger
Typ mit Glatze und rot-blondem Bart, erklärt gerade 18
Männern in schlabbrigen Shirts zum dritten Mal eine
neue Schrittfolge. Immer wieder kommen die Jungs aus
dem Takt. „Mehr Spannung!“, brüllt Kuth in die
Turnhalle im Belgischen Viertel von Köln. „Mit rechts
beginnen! Das ist doch nicht so schwer!“
Offenbar doch. Kuth ist Profi, seine Schüler, die Rosa
Funken, sind es definitiv nicht. Der Ingenieur Roland,
der Medizintechniker Wolfgang oder der Fliesenleger
Peter zählen zu den Wegbereitern der homosexuellen
Karnevalsbewegung in Köln. In diesem Jahr feiern die
schwulen Jecken ihr Elfjähriges, eine wichtige Zahl im
Karneval. Bis zum großen Festball muss alles sitzen.
Dann tauschen die Funken die Shirts gegen hautenge
Kostüme, reiten auf Steckenpferdchen und tragen
anstelle eines Funkenmariechens ihr „Omariechen“, den
Vereinsältesten, durch den Saal.
Und niemand wird an den schrillen Auftritten Anstoß
nehmen. Im Gegenteil: Immer häufiger laden
traditionelle Karnevalsgesellschaften die Rosa Funken
zu ihren Sitzungen ein. Kürzlich haben die Schwulen
mit Tommy Engel, dem ehemaligen Frontmann der „Bläck
Fööss“, und den Roten Funken, Kölns ältestem
Traditionscorps, einen Videoclip aufgenommen. Selbst
beim Rosenmontagszug liefen die Rosa Funken schon als
Gäste mit. „Vor elf Jahren“, sagt das Omariechen
Wolfgang, „wäre das undenkbar gewesen.“
Die Rosa Funken und ihre schwul-lesbischen Mitstreiter
schicken sich an, die letzte Kölner Bastion der
Bürgerlichkeit, den organisierten Karneval, zu stürmen.
An anderen Orten, in den Straßen, Kneipen und Bars
sind händchenhaltende Männer seit Jahren akzeptierte
Normalität. Einige Gegenden, etwa das Viertel rund um
die Ehrenstraße und den Rudolfplatz, sind fest in
schwuler Hand. Schätzungsweise 100.000 Schwule und
Lesben leben in Köln. Relativ zur Einwohnerzahl gibt
es nirgendwo in Deutschland mehr Homosexuelle.
Die starke Gay-Präsenz ist ein Kompliment an die Stadt,
ein Beweis von Offenheit und Toleranz. Und ein
entscheidender Wirtschaftsfaktor: Gäbe es so etwas wie
eine ökonomische Theorie der Homosexualität, müsste
sie nicht nur die Kaufkraft der Schwulen erfassen,
ihre Trendsetter-Funktion analysieren, mit der sie
ganze Viertel umkrempeln und Konsumgewohnheiten
vorwegnehmen. Eine solche Theorie müsste die Schwulen
als Standortfaktor begreifen, als Barometer für die
immer wichtiger werdende Liberalität der städtischen
Gesellschaft.
Denn der souveräne Umgang mit dem Anderssein hilft
Städten wie Köln, im Wettstreit der Metropolen um
kluge Köpfe und High-Tech-Unternehmen zu bestehen. Das
zumindest folgert der amerikanische
Wirtschaftswissenschaftler Richard Florida. Er hat
zusammen mit dem Demografie-Forscher Gary Gates
herausgefunden, dass an führenden
Technologie-Standorten wie San Francisco, Seattle oder
Austin auffällig viele Schwule, Ausländer und andere
Minderheiten leben. Seine Erklärung: Ein Klima von
Offenheit und Toleranz lockt nicht nur Schwule,
sondern auch Querdenker, Computerfreaks und andere
Kreativarbeiter in die Stadt (siehe Interview).
Um genau diese Menschen geht es: Forscher,
Programmierer, Künstler, Medienmenschen, Architekten,
Ingenieure oder Designer sollen das postindustrielle
Loch mit Ideen und Innovationen stopfen. Florida nennt
sie „Creative Class“. Schon jetzt stellt diese Gruppe
laut Florida in den Vereinigten Staaten 38 Millionen
Mitglieder und damit 30 Prozent der arbeitenden
Bevölkerung.
Die besten Kreativen können sich die Jobs aussuchen.
Sie bevorzugen ein stimulierendes Umfeld mit schicken
Bars, vitaler Kunst- und Kulturszene und attraktivem
Sportangebot, typische Merkmale von Schwulenhochburgen.
„Diese Talente“, beobachtet der US-Soziologe Richard
Lloyd, „wollen wie Touristen in ihrer eigenen Stadt
leben.“ Mittelständler in der Provinz klagen schon
jetzt, dass sie kaum noch Ingenieure verpflichten
können. Die zieht es in urbanen Zentren.
Köln, im Büro des Wirtschaftsdezernenten Norbert
Walter-Borjans im 14. Stock der Stadtverwaltung. Von
hier oben hat man einen grandiosen Blick auf den Dom
und die Stadt. Der Dezernent erfreut sich momentan
mehr an den vielen Baukränen. Rund um sein Büro im
rechtsrheinischen Deutz wird geplant, gebuddelt und
gebaggert, was das Zeug hält. Hinter dem Schreibtisch
sieht man die neuen Hallen der KölnMesse, in den
entkernten alten Messehallen wird künftig RTL
residieren. Wenige Hundert Meter entfernt baut
Lufthansa eine neue Hauptverwaltung. „Es tut sich was
in Köln“, sagt Walter-Borjans.
Besonders stolz ist er auf den Rheinauhafen, ein zwei
Kilometer langes Gelände zwischen der Severins- und
der Südbrücke. Mit diesem architektonisch
ambitionierten Projekt wollen die Kölner ihren
Anspruch als Medien- und Kreativstandort untermauern.
Wo früher Hafenarbeiter Frachtkähne löschten, werden
bald High-Tech-Unternehmen neue Produkte entwickeln
und vermarkten.
Die These Floridas von der Toleranz als Beschleuniger
der Kreativökonomie bestätigt sich im Kölner
Rheinauhafen: Die deutsche Dependance von Electronic
Arts, eines führenden US-Computerspieleherstellers,
wird in den Hafen ziehen. Auch Microsoft, bisher in
einem Neusser Industriegebiet ansässig, kommt mit 200
Mitarbeitern, will 100 weitere anstellen und einen
Schwarm von Partner-Unternehmen mit in den Hafen
nehmen. Auf Dauer könnten durch Microsoft bis zu 2000
Beschäftigte im Hafen oder in der Stadt arbeiten. „Wir
erhoffen uns von dem neuen Standort einen
Kreativitätsschub“, sagt Michael Müller-Berg,
Microsoft-Niederlassungschef NRW. „Es macht einen
Unterschied, ob Sie eine halbe Stunde durch ein
inspirierendes Hafengelände oder durch ein
Industriegebiet spazieren.“
Nicht nur das. Das multikulturelle Kölner Umfeld reizt
die Microsoftler: „Wo Vielfalt herrscht, sind die
Menschen einfallsreicher.“ Das Unternehmen profitiere
davon. „Wir entwickeln Produkte für die globale Welt,
also brauchen wir unterschiedliche Mitarbeiter.“
Auch der erfolgreiche Kölner Sportmanager Michael
Mronz, Lebensgefährte des FDP-Chefs Guido Westerwelle,
glaubt, dass weiche Standortfaktoren „immer wichtiger
werden“. Mitarbeiter müssten sich wohlfühlen und das
geht „am besten in einer kreativen lockeren Atmosphäre,
in der auch Minderheiten akzeptiert werden“.
Das ist Wasser auf die Mühlen von Michael Stuber. Der
Kölner ist Deutschlands Diversity-Papst und berät seit
zehn Jahren Konzerne wie Deutsche Bank, BP oder
Deutsche Telekom. Diversity hat sich als Begriff
etabliert. Gemeint ist die Förderung von Vielfalt, die
Wertschätzung von Unterschieden. Stuber: „Diversity
Management schafft Mehrwert, das gilt für Städte wie
für Unternehmen.“
Viele wollten das in den vergangenen Jahren nicht
glauben. Jetzt allmählich erleben die Zweifler, wie
ständige Veränderung zur Normalität wird, wie sich die
Nationalitäten mehr und mehr durchmischen, wie
grenzsichernde Abschottung ins ökonomische Nirgendwo
führt.
Bei Ford in Köln hat man deshalb das Thema Diversity
fest als Unternehmensleitbild verankert. Türkische
oder schwul-lesbische Mitarbeiter sind in Gruppen
organisiert, Frauen werden gezielt gefördert, ebenso
Mitarbeiter, die Angehörige pflegen oder
alleinerziehend sind. Schwule haben nicht nur auf dem
Papier die gleichen Rechte: Die Partner von
Mitarbeitern erhalten die
Hinterbliebenen-Betriebsrente, sofern das Paar in
einer eingetragenen Lebensgemeinschaft gelebt hat.
All das hat auch eine ökonomische Seite. Ford nutzt
die Mitarbeitergruppen, um Marktforschung im eigenem
Haus zu betreiben. Mit zielgruppengerechter Werbung,
etwa bei der Präsentation des neuen Fiesta („Das
schönste Coming-out des Jahres“), werden die Schwulen
umgarnt. Vor allem aber versucht sich Ford als
liberaler Arbeitgeber zu profilieren, bei dem
Mitarbeiter ihre sexuelle Orientierung nicht
verheimlichen müssen. „Wir wollen keinen vergraulen,
bloß weil er schwul ist“, sagt Ford-Diversity-Managerin
Alicia Alvarez.
Ford engagiert sich zudem in der Aidshilfe und stellt
an Karneval das sogenannte Tuxi bereit, ein Fahrdienst
der besonderen Art: Während der Fahrt gibt es Infos
und Kondome. In dem plüschig aufgemachten Tuckentaxi
sitzt auch der „Lindenstraße“-Schauspieler Klaus
Nierhoff. Er ist Schirmherr der Kampagne.
Ironischerweise spielt Nierhoff in der Endlos-Serie
einen homophoben Autohändler mit lesbischer Tochter.
Im richtigen Leben ist er schwul. „In der Kölner
Medienszene ist das nichts Ungewöhnliches.“ Nierhoff
sieht die Kölner Schwulen fest in Politik und
Gesellschaft verankert und glaubt: „Wir sind ein
Imagegewinn für die Stadt, der lebende Beweis für
Toleranz.“
Das Buhlen um die
Schwulen zahlt sich für Köln auch finanziell aus. Die
Stadt präsentiert sich auf internationalen
Touristikmessen als „gay-friendly“ und gibt rosa-lila
Stadtführer heraus. Denn der Homotourismus spült viel
Geld in die Stadt. Homosexuelle geben für Reisen im
Schnitt drei- bis viermal so viel Geld aus wie der
Durchschnittsdeutsche, ergab eine Umfrage der Berliner
Marketingagentur Publicom! unter rund 3000 Schwulen
und Lesben. Beliebteste Ziele: Berlin, Amsterdam und
Köln.
Sind sie erst einmal in der Stadt, wird kräftig
konsumiert: Vor viereinhalb Jahren war Köln Gastgeber
der europaweit zentralen Kundgebung anlässlich des
Christopher Street Day. Der Gedenktag erinnert an die
erste größere Schwulenbewegung der Geschichte: In der
New Yorker Christopher Street protestierten 1969
sexuelle Minderheiten gegen Polizeirazzien und
Verhaftungen. Inzwischen hat der Gedenktag auch eine
ökonomische Relevanz: Die rund 126.000 auswärtigen
Besucher haben während der Parade 2002 rund 53
Millionen Euro ausgegeben, schätzt die Stadtverwaltung.
Das nächste Großereignis steht schon im Kalender: Köln
wird 2010 die Gay Games ausrichten, die Olympischen
Spiele der Schwulen und Lesben. Etwa 10.000 Sportler
aus aller Welt kommen für eine Woche an den Rhein. Die
Spiele werden Kölner Hotels, Gaststätten und Kneipen
ein Umsatzplus von 43 Millionen Euro bringen, schätzt
der Kölner SC Janus, Europas größter schwul-lesbischer
Sportverein. Mit den Gay Games ist es den Kölnern
gelungen, scheinbar übermächtige Bewerber wie Paris
auszustechen, das immerhin mit Bertrand Delanoë einen
schwulen Bürgermeister hat.
Auch in Berlin steht mit Klaus Wowereit ein
bekennender Schwuler an der Spitze. Nirgendwo in
Deutschland leben mehr Schwubiles (Schwulen,
Bisexuelle und Lesben). Allerdings geht die These des
Wissenschaftlers Florida ausgerechnet an der Spree
nicht auf, Berlin steht wirtschaftlich miserabel da.
„Man muss der Stadt Zeit geben, sich vom
jahrzehntelangen Inselstatus zu erholen“, sagt Ilse
Helbrecht, Geografie-Professorin an der Uni Bremen.
International lassen sich hingegen einige Belege für
Floridas Thesen finden. Etwa die wirtschaftlich
erfolgreiche australische Metropole Sydney (siehe
Kasten) oder die Mutter aller Schwulenstädte, San
Francisco. Das angrenzende Silicon Valley beherbergt
Weltkonzerne wie Apple, Google oder Sun Microsystems,
gegründet von Querdenkern und Kreativen.
Etwa 14 Prozent der rund 740.000 Einwohner in San
Francisco sind homosexuell. Sie leben in Stadtteilen
wie Castro, Twin Peaks und Haight-Ashbury, in denen
sich eine urbane Lebenskultur mit Mode- und
Schmuckgeschäften, Buchhandlungen, Cafés und Bars
herausgebildet hat. Das ist hübsch anzusehen, aber es
treibt die Mieten. Selbst nach dem Dotcom-Crash im
Jahr 2000, als Lofts plötzlich leer standen, gingen
die Immobilienpreise nur minimal zurück, um dann
wieder zu steigen. Der durchschnittliche Kaufpreis für
eine Wohnung im Castro-Viertel hat sich bei rund einer
Million Dollar eingependelt.
Auch hierzulande hat die Homo-Idylle ihren Preis. Die
Schwulen entdecken bevorzugt zentrale,
heruntergekommene Viertel, die sie dann mit ihrer
Infrastruktur, Bars, Boutiquen oder Blumenläden
überziehen. Dies lockt zeitverzögert urbane Heteros
an, es folgen Spitzengastronomen und Edelshops, ganze
Straßenzüge ändern so ihr Erscheinungsbild.
Häufig gedeiht das
Yuppie-Ambiente ein paar Blocks vom Elend der
Großstadt entfernt. Wie in Hamburg, an der Langen
Reihe im Stadtteil St. Georg: Oben in den Fenstern der
Altbaufassaden hängen Regenbogenfahnen, unten auf dem
Trottoir demonstrieren schwule Pärchen händchenhaltend
beim Sonntagsspaziergang ihre Ankunft im Bürgertum.
Nur ein paar Meter weiter, am Hansaplatz, wird
unverdrossen gefixt, gedealt, geprügelt und gehurt.
Trotzdem steigen in ganz St. Georg die Mieten, sehr
zum Ärger der Alteingesessenen, die finanziell nicht
mithalten können. Mit Protestaktionen wehren sie sich
gegen die Schickimickisierung des Viertels.
Die Kräfte des Marktes wird das nicht bremsen.
Hausbesitzer vermieten ausgesprochen gern an
gleichgeschlechtliche Paare. „Die haben in der Regel
Spaß am Wohnen und Einrichten, pflegen die Wohnung und
sind sehr angenehme Mieter“, sagt Jürgen Michael
Schick, Sprecher des Immobilienverbands Deutschland.
Early Adopters, Konsumvorreiter, nennen
Marketingprofis die urbanen Schwulen. Sie sind nicht
nur in puncto Wohnambiente Trendsetter: Schwule
verhalfen der Insel Mykonos zum Aufstieg. Sie
kredenzten im heimischen Esszimmer exklusive Speisen,
lange bevor Hetero-Männer die Küche als Hobbyraum
entdeckten. Und sie benutzten Gesichtscrémes, als
Fußballstar David Beckham noch wegen seiner Flanken
vergöttert wurde und der metrosexuelle Mann nicht
erfunden war.
Ob Schwule als klassische Dinkys (doppeltes Einkommen,
keine Kinder) generell mehr Geld als Heteros haben,
ist umstritten. Sicher dagegen ist, dass sie andere
Konsumpräferenzen haben, die sich zum Beispiel an der
Reiselust, am Körper- und Modekult und an einem hohen
Markenbewusstsein manifestieren.
Die Heterogenität der Käufergruppe macht es schwer,
diesen Markt richtig einzuschätzen. „Für homosexuelle
Konsumenten gilt, was für alle gilt: Sie wollen
zunächst einmal ein gutes Produkt zu vernünftigen
Preisen“, sagt Stuber, „mit schwulen Kühlschränken
brauchen Sie denen nicht kommen.“
Die werbenden Unternehmen wollen meist zwei Fliegen
mit einer Klappe schlagen. Dazu spielen sie mit dem
hippen Homo-Image, um gleichermaßen Heteros und
Schwule zum Kauf zu animieren. So schickte etwa
Kaffeeröster Jacobs seine „Kaffeetante“ Mike mit viel
Muskeln und sympathischem Blick auf Kundenfang. Andere
zwinkern ihrer Zielgruppe verdeckt zu: Wenn im Ikea-Katalog
zwei Männer in der Küche stehen, wissen Schwule
Bescheid.
Etwa acht Prozent der Männer sind Schätzungen zufolge
schwul, etwa drei bis fünf Prozent der Frauen lesbisch.
Mit gewisser Wahrscheinlichkeit müsste es auch
Homosexuelle im Topmanagement geben. Doch „uns ist
kein schwuler Dax-Vorstand bekannt“, sagt Jörg
Melsbach vom Völklinger Kreis, einem Netzwerk schwuler
Führungskräfte mit rund 800 Mitgliedern. Allen
Diversity-Bekenntnissen zum Trotz – in der Chefetage
ist Schluss mit rosa: „Ganz oben wird die Luft dünn,
da würde ein Outing nicht gut ankommen“, glaubt
Melsbach. In der zweiten und dritten Führungsebene
gebe es eine Reihe von Schwulen, aber auch dort habe
sich nicht jeder geoutet. Den Anteil heimlicher
Manager-Homos schätzt Melsbach auf 30 bis 35 Prozent.
Noch schwerer haben es
Schwule in autoritären Staaten. Beispiel Singapur.
Dort ist gleichgeschlechtliche Liebe noch immer von
Amts wegen verboten. Als Umschlagplatz des
Asienhandels konnte es sich das aufstrebende
Schwellenland in Südostasien jahrzehntelang leisten,
Homosexualität strafrechtlich zu verfolgen. Seit der
Rezession 2001 aber ist im Stadtstaat nichts mehr wie
es war: Nun sucht Singapur seine Wirtschaft im
Eiltempo zu diversifizieren – und investiert massiv in
kreative Kräfte. Das Werben um Investmentbanker,
Wissenschaftler und Künstler drückt sich dabei nicht
nur in neuen Universitäten und Forschungszentren aus.
Es reicht vom Bau eines Konzerthauses über eine
allabendliche Revue im Singapurer Ableger des „Crazy
Horse“ bis hin zu einem ausgewiesenen Rotlichtbezirk –
und neuerdings auch einer Schwulenmeile.
Singapur ist das jüngste Beispiel, das den
Zusammenhang von Homosexualität und Weltoffenheit
demonstriert, wie sehr eine schwule Kultur die
Attraktivität einer Metropole befördert, wie libertäre
Rahmenbedingungen die Wirtschaft beflügeln.
Schließlich hat Singapur das Projekt Kreativität erst
vor vier, fünf Jahren und noch dazu am Reißbrett
entwickelt.
Homosexualität wird aber jetzt nicht nur still
geduldet. Die Messingschilder in den einschlägigen
Kneipen, die gleichgeschlechtliche Paare ans
Kussverbot erinnerten, sind längst abmontiert.
Reiseführer für Homosexuelle applaudieren euphorisch:
„Die schwule Weltkarte ist um einen dicken rosa Punkt
reicher.“
Wie gerne würde das früher ach so prüde Singapur auf
solche Sätze verzichten! Die Staatsräson aber ist
Wohlstandsmehrung, und dabei glaubt nun selbst dieser
seine Bürger bevormundende Stadtstaat, auf Schwule
nicht mehr verzichten zu können. Das traditionelle
China-Town überlässt es tagsüber den Touristen und
nachts den Gays – ohne dass die eine Gruppe von der
anderen Notiz nehmen könnte: Schwul sein, das darf man
in Singapur immer noch so richtig erst ab 22 Uhr.
Über solchen Sperenzchen können die Rosa Funken in
Köln nur müde lächeln. Sie werden die tollen Tage
durchtanzen, den schwulen Kölner Karneval weiter
voranbringen. Und wer weiß, vielleicht schafft es bald
ein bekennender Homosexueller ins Kölner Dreigestirn?
Dann endlich auch könnten die Kölner mit dem
Erzrivalen Düsseldorf gleichziehen, wo vor sechs
Jahren schon der schwule Prinz Peter IV. die närrische
Schar anführte. Das Sessionsmotto damals: „Jede Jeck
is anders.“
Aus der WirtschaftsWoche 8/2007.
"Starker Indikator“ für ökonomisches Wachstum
Schwulen-Community.
Der amerikanische Demographieforscher Gary Gates
im Interview über die wirtschaftliche Bedeutung
von Schwulen und Lesben. Gates forscht am
Williams Institute der Hochschule für Recht an
der Universität von Kalifornien in Los Angeles
und gilt als führender Experte für die
Siedlungsgewohnheiten von Schwulen und Lesben.
WirtschaftsWoche: In der Bay Area rund um San
Francisco wohnen die meisten Schwulen und Lesben
in ganz USA. Welchen Einfluss hatten und haben
sie auf die wirtschaftliche Entwicklung des
Silicon Valley?
Gates: Einen indirekten. Die Präsenz
einer vibrierenden Gay-Gemeinschaft signalisiert,
dass eine Region oder Stadt jede Minderheit
willkommen heißt. Auf dem Arbeitsmarkt zeigt
sich daran, dass Unternehmen ein großes Spektrum
unterschiedlicher Mitarbeiter einstellen.
Regionen mit erfolgreichen innovativen
Wirtschaftszweigen öffnen sich auch für Leute
abseits des Mainstreams, zum Beispiel für
Schwule und Lesben, Ausländer oder ethnische
Minderheiten. Auf diese Weise fördern Schwule
und Lesben indirekt eine Kultur der Offenheit in
einer Gesellschaft.
Schwule befeuern also ökonomisches Wachstum?
Sind sind zumindest ein starker Indikator für
Wachstum. Sie beschleunigen durch ihre
Anwesenheit eine Kultur der Offenheit und
Unterschiedlichkeit. Dies erhöht die Chance von
kreativer Entfaltung und innovativen Ideen in
der Wirtschaftswelt.
Wie kann man die Voraussetzungen für ein
tolerantes Umfeld schaffen?
Es reicht nicht aus, um die Schwulen zu werben.
Eine gute Möglichkeit ist es, per Gesetz die
Diskriminierung von Minderheiten zu verbieten,
und zwar in allen Bereichen, egal ob es um
sexuelle Orientierung, Geschlecht, Alter oder
Ethnie geht. Der andere Weg besteht darin,
Einwanderer willkommen zu heißen und ihre
Integration in die Gemeinschaft vor Ort zu
unterstützen. Unternehmen sollten alle Formen
der Familie unterstützen, auch die Schwulen und
Lesben und ihre Kinder. Die Unternehmen können
sich außerdem bei der Rekrutierung als
minderheiten-freundliches Unternehmen
präsentieren. Das schafft ein positives Image
als Arbeitgeber.
Können auch ländliche Regionen davon
profitieren? Immer mehr schwule und lesbische
Paare mit Kindern ziehen aufs Land.
Es liegt nahe, dass das auch auf dem Land
funktioniert, allerdings haben wir uns mit
unserer Arbeit auf die Städte und
Metropolen-Regionen konzentriert.
Schwule und Lesben gelten als sehr kreative
Menschen. Stimmt das?
Ich kenne keine empirischen Beweise dafür, dass
die sexuelle Orientierung mit Kreativität
zusammenhängt.
Was sind die größten Mythen, wenn es um die
wirtschaftliche Bedeutung von Schwulen und
Lesben geht?
Die meisten glauben, dass Schwule wohlhabend
sind. Die Mehrzahl der Studien zeigt aber, dass
homosexuelle Männer weniger verdienen als
Heterosexuelle. Die Einkünfte von Lesben sind
etwa genauso hoch beziehungsweise leichter höher
als die der Heterofrauen, dennoch verdienen sie
immer noch deutlich weniger als Männer. Das
Einkommen von gleichgeschlechtlichen Paaren mit
Kindern in den Vereinigten Staaten ist sogar
deutlich niedriger als das von Hetero-Paaren mit
Kindern. Es ist weniger wahrscheinlich, dass
Schwule und Lesben Kinder großziehen, besonders
schwule Männer. Deshalb können sie ihr Geld
anders ausgeben als Heteropaare mit Kindern.
Aber das bedeutet eben nicht, dass Schwule mehr
Geld verdienen.
Wie beurteilt die schwule und lesbische
Community die These, dass Homosexuelle Indikator
für ökonomisches Wachstum sind?
Viele Marketingfirmen erforschen die ökonomische
Macht der Community. Klar sind die Schwulen und
Lesben stolz darauf, dass man ihnen so viel
Aufmerksamkeit widmet. Aber viele wie ich auch
betrachten mit Sorge, dass man die Schwulen nur
durch die ökonomische Brille betrachtet. Ich
konzentriere mich in meiner Arbeit darauf, das
Klischee vom weißen und wohlhabenden Schwulen zu
entkräften. Denn das stimmt einfach nicht.
Was war für Sie die überraschendste
Erkenntnis während Ihrer Forschung über die
demographischen Effekte von Schwulen?
Dass etwa ein Viertel aller
gleichgeschlechtlichen Paare Kinder aufziehen
und dass die Paare häufig ethnischen
Minderheiten angehören. Das ist ein noch
weitgehend unerforschtes Segment, dem wir uns
nun widmen.
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