Profit mit
trauungswilligen Lesben und Schwulen
die Standard (Austria)
June 12, 2008
Andrang auf die Standesämter bringt kalifornischen
Kommunen und der Wirtschaft ordentlich Geld in die Kassa
Del Martin und Phyllis Lyon sind seit Jahrzehnten ein
Paar. Zum ersten Mal getraut haben sie sich vor vier
Jahren. Doch nun am 16. Juni soll die richtige Hochzeit
steigen. Mit allem Drumherum und Gavin Newsom, San
Franciscos Bürgermeister, als Standesbeamten.
Es wird aber auch Zeit, sagen die beiden Lesben. Del
Martin ist 87 und Phyllis Lyon ist 84 Jahre alt. Sie sind
jene, die in wenigen Tagen einen einzigartigen
Hochzeitsreigen in Kalifornien starten werden. Denn seit
dort der Oberste Gerichtshof Mitte Mai ein Verbot der
Homosexuellen-Ehe für verfassungswidrig erklärte, herrscht
gute Stimmung in den Homosexuellen-Hochburgen wie San
Francisco, Palm Beach und West Hollywood.
Die vielen Hochzeiten bringen natürlich auch den
Stadtverwaltungen ordentlich Geld. "Angesichts ernster
Haushaltsprobleme sind die LGBT-(Lesben, Gay, Bisexuals,
Transgender)-Hochzeiten eine willkommene Geldtransfusion
für Kalifornien", sagt Jeffrey Pang, der Bürgermeister von
West Hollywood. Er selbst will seinen Teil dazu tun und
demnächst ebenfalls seinen Partner Ray ehelichen.
Gefragte Hochzeitsplaner
Kaum hatte der Oberste Gerichtshof sein historisches
Urteil gefällt, flatterten nicht nur überall im Castro-Viertel,
dem Schwulen- und Lesben-Mekka von San Francisco, stolz
die regenbogenbunten Fahnen. Es klingelten auch die
Telefone bei Hochzeitsplanern, Konditoren, Floristen und
Fotografen. "Es ist unglaublich", freut sich Rena Puebla
von Renellie International, die Figürchen für
Hochzeitstorten herstellt. Statt 50 Pärchen verkauft sie
nun die dreifache Anzahl pro Tag.
Gleichgeschlechtliche Paare, so rechnet das Williams
Institute on Sexual Orientation Law and Public Policy der
University of California in Los Angeles (UCLA), könnten in
den nächsten drei Jahren umgerechnet rund 446 Millionen
Euro für Hochzeitsfeierlichkeiten ausgeben. "Eine
bedeutende Finanzspritze für eine Industrie in schwierigen
wirtschaftlichen Zeiten", urteilt M. V. Lee Badgett, die
Autorin der Studie.
Vorteile für Tourismus
Auch die Tourismusindustrie wird prächtig profitieren.
Nicht nur gilt San Francisco als tolle Kulisse für eine
Hochzeit. Die Metropole schrieb auch 2004 Gay-Geschichte,
als der damals frischgewählte Bürgermeister Newsom zum
ersten Mal den Homosexuellen das Standesamt öffnete. Fast
4000 Ehen wurden damals in wenigen Monaten geschlossen,
bis ein Gericht ein Verbot verfügte.
Die Stadt am Golden Gate oder West-Hollywood, wo 41
Prozent der 36.000 EinwohnerInnen homosexuell sind, sind
jedoch nicht die einzigen Orte, die gute Geschäfte machen
wollen. Napa Valley und der Yosemite National Park
offerieren bereits "wedding packages" - organisierte
Hochzeitsveranstaltungen für all diejenigen, die aus
anderen Bundesstaaten einfliegen.
Unterstützt wird der Andrang auf die Standesämter durch
ein mögliches Zeitlimit. Denn im November will eine
Koalition konservativer Bürgerinitiativen einen
Verfassungszusatz zum Verbot der Homosexuellen-Ehe per
Volksentscheid durchboxen. Die letzte Option der
Rechtskonservativen, um das Urteil des Obersten
Gerichtshofs zunichtezumachen. (Rita Neubauer aus Palo
Alto, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 13. Juni 2008)
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